Die deutsche Heimatlosigkeit

Mit heimatlos meine ich natürlich nicht obdachlos. Die meisten Deutschen habe ein Zuhause, aber das Gefühl der Heimat ist kommt uns mehr und mehr abhanden. Wenn ich daran denke, wie schwer es meiner besten Freundin gefallen ist, den Hof zu verlassen, auf dem ihre Familie nachweislich seit dem 14. Jahrhundert lebt, wird mir klar wie ungewöhnlich das heutzutage ist. Wer kann denn noch von sich behaupten, dass die Familie über mehrere Generationen hinweg am selben Ort gewohnt hat?

Dies ist das einzige (rechtefreie) Bild einer Großfamilie, dass ich finden konnte. Bezeichnend, oder nicht?

Die heutzutage unumgängliche Mobilität, der Zwang dorthin zu gehen, wo die Arbeit ist, hat unsere Gesellschaft zerrissen. Eltern wohnen ein einem Teil Deutschlands, ihre mehr oder weniger erwachsenen Kinder viele Kilometer entfernt – der Arbeit wegen. Hatte man früher z.B. einen Babysitter nötig, gab es den/die Cousin/e von nebenan. Bei Erziehungsproblemen konnte man auf Großeltern, Eltern, Tanten, Onkel und Verwandte um sieben Ecken zurückgreifen, die alle im gleichen Dorf wohnten (oder zumindest im Nachbarort).

Mir fehlt der Zusammenhalt einer Großfamilie. Es liegt vielleicht daran, dass ich in einer solchen aufgewachsen bin. Ich kenne meine Uromi (an die ich wunderbare Erinnerungen habe) und alle meine Großeltern, habe drei Geschwister, die immer zu mir stehen, auch wenn ich nicht immer nett zu ihnen war, und habe Eltern, die sich immer zu hundert Prozent für mich eingesetzt haben und es gott-sei-dank immer noch tun.

Jetzt leben sie fast 2 Autofahrstunden von uns entfernt – verglichen mit anderen Familien ist das sogar noch recht nah.

Nun mögen viele mit den Schultern zucken und sagen, das sei nicht wichtig, ich aber denke schon. Man muss sich nur einmal mit offenen Augen umsehen. Zu Zeiten der Großfamilien waren Schüler Lehrern gegenüber selten so frech und aggressiv wie heute. Kinder belegten ihre Eltern nicht mit Schimpfwörtern, die sogar den sprichwörtlichen Fuhrkutscher hätten rot werden lassen. Höflichkeit war ein wichtiger Bestandteil des Zusammenlebens. In einer großen Familie gab es immer jemanden, der Zeit für die Kinder hatte, sei es als Spielkamerad oder als jemand mit einem offenen Ohr für ihre Nöte und Ängste.

Heute fahren Eltern ihre Kinder zu Sportvereinen oder zu Freunden, die man beim nächsten Umzug wieder aus den Augen verliert. Werden Eltern oder Großeltern pflegebedürftig, ruht die Last der Pflege oft auf den Schultern einer einzigen Person. Bei Erziehungsproblemen müssen Beratungsstellen oder Psychiater helfen, weil wir mit unseren Problemen allein sind. Wer will schon die sowieso zu kurzen Familientreffen damit belasten, die Probleme des Alltags aufzukochen?

Ich habe keine Lösung für dieses Phänomen, finde aber, dass man sich darüber mal Gedanken machen solle. Ich bin mir sicher, dass eine ausgewogene Kombination der Individualität des Einzelnen mit dem Prinzip Großfamilie unserer Gesellschaft als ganzes bereichern würde. Wie seht ihr das?

P.S. Natürlich weiß ich, dass das Prinzip Großfamilie auch Probleme mit sich bringt, denke aber, dass die Vorteile überwiegen.

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