Juli: #kostenlose #Geschichte

Irgendwie wird die Zeit immer schneller, je älter ich werde. Es ist deprimierend, das Ende meines Lebens näher zu sehen als den Beginn. Man füge dann noch ein paar der üblichen schlechten Nachrichten über Corona, die entsetzlichen Entwicklungen in den beiden größten Weltmächten und der Klimakrise hinzu, dann verstehst du vielleicht, warum ich es so schwer finde, regelmäßig Blogposts oder eMails zu schreiben. Es scheint alles so unwichtig.

Doch dann sehe ich meinen Enkel. Ich genieße, wie er jeden Tag neu entdeckt, jeden Menschen so akzeptiert wie er ist, mit Begeisterung neue Dinge lernt, ohne groß über morgen nachzugrübeln. Und ich entdecke meine Hoffnung wieder. Ich hoffe um seinetwillen, dass sich alles doch noch zum Guten wendet. Das ist es, was mich immer wieder antreibt, meine Geschichten zu schreiben.

Genießt die #kostenlose #Geschichte dieses Bloghops und besucht auch die anderen Autor:innen. Denkt daran, dass deren Geschichten leider nur auf Englisch zu kriegen sind. Aber wie immer sind es alles recht kurze Erzählungen, so dass ein Versuch nicht schaden kann. Und hinterlasse uns einen Kommentar. Wir lieben es, von dir zu hören. Das füllt unsere Herzen mit Freude, ganz gleich, was du uns sagen willst, denn es bedeutet, dass jemand das gelesen hat, was wir hier zur Verfügung stellen. Und in Zeiten wie diesen ist das wertvoller als alles andere!

 

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Neue-Storch

„Vermisst du die Arbeit nicht?“, fragte ich Melinda.

„Ich lebe hier gerne alleine mit dir.“ Meine Tochter legte einen weiteren geflickten Socken beiseite. „Und vergiss nicht, dass uns die Inquisition hier niemals finden wird.“

Ich lächelte sie an, um ihr zu zeigen, wie sehr sich sie liebte, doch insgeheim sehnte ich mich nach etwas mehr, als nur zu überleben. Mit einem Seufzer spann ich weiter. Der regelmäßige Rhythmus des Rads und Melindas Atemgeräusche entspannten mich, so dass die innere Unruhe nachließ. Unsere Abendroutine wurde erst unterbrochen, als etwas Schweres gegen das Fenster unserer kleinen Hütte donnerte. Da es draußen dunkel war, konnten wir nicht erkennen, was es war.

Meine Finger legten automatisch die Spindel beiseite. Wir hielten beide die Luft an, fürchteten dasselbe. Aber kein Wutschrei war zu hören, keine Forke oder Fackel zu sehen. Etwas erleichtert, aber immer noch misstrauisch rief ich: „Wer ist da?“

„Schon-nnr üfung.“ Die Stimme klang, als würde jemand etwas im Mund halten und versuchen, darum herum zu sprechen. Melinda sah mich an, und ich sah Melinda an.

„Ich kenne jemanden, der so spricht“, flüsterte ich. „Aber die Stimme ist seltsam.“

Wer auch immer vor unserem Haus stand klopfte erneut gegen die dünne Scheibe, die den Wind von uns fernhielt. Wenn sie zerbrach würde der Winter seine eisigen Finger in unser Haus schicken. Also stand ich auf, um zu öffnen. Vorher ging ich aber am Herd vorbei und nahm das größte Messer, dass wir besaßen. Als die Tür aufschwang und den Blick auf einen etwa menschengroßen Drachen mit roten Schuppen freigab, ließ ich es fallen.

Dem Drachen hing ein Stoffbündel aus dem Maul. Als er Melinda hinter mir stehen sah, nahm er das Bündel in die Pranken und bewegte die Kiefer von einer Seite zur anderen, um die Muskeln zu lockern. „Ich verstehe nicht, warum der Boss darauf besteht, dass wir sie ihm Maul transportieren sollen“, sagte er und reichte ihr das Bündel. „Sonderlieferung für dich. Die Neue-Storch sendet ihre Glückwünsche. Ein Willkommensbonus ist der Lieferung beigefügt.“

Mit zitternden Fingern öffnete Melinda das Bündel.

„Es ist ein Junge“, sagte der Drache unnötigerweise. „Und Windeln sind auch dabei.“

Melindas Gesicht spiegelte den Schock, der mich hatte erstarren lassen. Ich musste mich mehrfach räuspern, bis ich endlich die Sprache wiederfand. „Warum schickt uns Storch ein Baby? Wir haben keines bestellt.“

„Neue Regeln.“ Der Drache lächelte und zeigte dabei mehr Zähne als ich im Augenblick vertragen konnte. Ich schluckte, und er lächelte noch breiter. „Wir haben noch ein paar Restposten, die auf die alte Art geliefert werden müssen. Deine Tochter war eine jener Empfängerinnen, die Storch persönlich ausgewählt hat.“

„Restposten? Erläutere das.“ Ich trat beiseite. Solange ich mich erinnern konnte war ich eine von Storchs Helferinnen gewesen, hatte zahllosen Müttern geholfen, nach der Lieferung mit dem schreienden Bündeln zurecht zu kommen. Ich hatte mein Handwerk von meiner Mutter gelernt und es an meine Tochter weitergegeben. Doch, seit die Inquisition begonnen hatte, uns Hebammen als Hexen zu verbrennen, waren wir untergetaucht. Bis jetzt mit Erfolg.

Der Drache rollte sich auf dem Flickenteppich in der Nähe des Herds zusammen und genoss die Wärme des Feuers. Er ließ ein paar glückliche Rauchkringel aufsteigen, bevor er sprach.

„Storch hat viele seiner Mitarbeiter verloren, als die Inquisition beschloss, dass Auslieferungen durch Störche Ketzerei seien und dass jeder, der daran glaubte, abergläubisch und somit zu bestrafen sei. Danach schossen die Leute, auf Störche.“ Er starrte eine Weile in die Flammen, so dass ich das Spinnen wieder aufnahm. Er seufzte zufrieden. „Wie ich schon sagte hat Storch auf diese Art viele Mitarbeiter verloren. Also entschloss er sich, einen direkteren Weg zu wählen. Einen, der nicht auf Storchtransporte angewiesen ist. Und ich hab ihm geholfen, das System zu installieren. Dafür war eine Menge Magie nötig, glaubt mir.“

„Direkt?“ Meine Gedanken rasten. „eine storchfreie Auslieferung?“

„Ist ganz leicht erklärt. Die Samen werden bereits geerntet, wenn sie noch im Einzellstadium sind. Ein magischer Schlauch schickt sie dann auf direktem Weg in den Bauch der Mutter. Es klappt wunderbar. Wirklich.“ Er polierte seine Krallen und sah selbstzufrieden aus. „Und ich spielte eine große Rolle beim Entwickeln dieses Projekts, wenn ich mal so sagen darf.“

Wie konnte Storch Säuglinge direkt zu den Müttern bringen? Noch dazu in ihre Bäuche, wenn ich das recht verstanden hatte. Meine Augen weiteten sich, als ich begriff, was das bedeutete. „Wenn er das Paket in die Mutter hinein schickt, muss es irgendwann ja auch wieder heraus, oder?“

„Jup. Und genau deshalb lädt er dich zu einer Weiterbildung zum Thema ‚Geburt‘ ein. Das ist kurz für ‚Ganzheitlich Erleuchteter Binärer Uterus Radikal Transport‘, dem Namen der neuen Technik. Die Teilnehmerinnen des Kurses sollen das Wissen dann verbreiten.“

Mit einem Mal sah ich mein restliches Leben vor mir – stets unterwegs, um Frauen mit der ‚Geburt‘ zu helfen und Storchs neue Verteilungsmethode bekannt zu machen, so gut ich konnte, stets auf der Hut vor der Inquisition. Ab und an würde ich Melinda besuchen, die hier bleiben musste, um ihren Sohn zu versorgen.

Ich lachte laut. Schlagartig war das Leben wieder aufregend.

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Hier gibt es noch mehr Geschichten (allerdings nur auf Englisch):

First Contact by Barbara Lund

Who Can Blame Him by Bill Bush

The Stuff of Nightmares by Sue Abrie

Regarding Dragons by Vanessa Wells

Midlife Ghostwalker: Katje Storm Episodes 1 thru 10 by Juneta Key

 

#kostenlose #Geschichten

 

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