Storytime Bloghop April
(kostenlose Geschichte)

Ich habe es geschafft. Der erste Band mit Kurzgeschichten dieses Jahr ist raus, wenn auch nur auf Englisch (die Deutschen muss ich in aller Ruhe noch übersetzen). Diese Sammlung dreht sich um Portale. Wer gut Englisch kann und sich dafür interessiert, sollte mit der kleinen Flagge ganz oben mal zu meiner Englischen Seite wechseln. Da gibt es mehr Informationen.

Nun aber zu der kostenlosen Flash Fiction Geschichte über eine ziemlich verwirrte alte Frau, die ich für den vierteljährlichen Storytime Bloghop geschrieben habe. Hoffentlich gefällt sie euch (vergesst nicht, die anderen Teilnehmer zu besuchen, falls ihr einigermaßen Englisch versteht. Das lohnt sich eigentlich immer).

 

Familientreffen

Der Tag verebbte und es wurde Nacht. Ohne Mondlicht war es so dunkel im Haus, dass Jane nicht sehen konnte, wo sie war. Sie hatte nur ein vages Gefühl von Alter und viel Platz. Staubkörnchen schwebten in der Luft, die sie mehr roch als sah.

Die ganze Welt schien ein wenig in Schieflage geraten zu sein. Wenn sie versuchte, aus einem Fenster zu sehen, bewegten sich die Vorhänge nur, wenn sie ihre ganze Kraft einsetzte. Und wenn sie sich in der Küche ein paar Eier braten wollte, stapelte sich in der Spüle unter dem Fenster jeden Tag anderes Geschirr. So als würde es jemand dort hinlegen, um sie zu ärgern.

Gab es einen Geist im Haus? Ihr fiel ein, dass ihr ihre Oma – vor Ewigkeiten, als Jane noch jung gewesen war – oft mit gedämpfter Stimme von dem jungen, gutausehenden Prinzen erzählt hatte, der in diesem Hause ermordet worden war und es nun heimsuchte.

Jane schüttelte den Kopf. Es gab keine Gespenster. Denn wenn sie sich irrte und es den Prinzen doch gab, hätte sie ihn doch längst bemerken müssen, oder? Immerhin lebte sie schon seit ihrer Hochzeit vor fünfundsechzig Jahren hier.

Sie tastete sich ins Wohnzimmer vor. Dort hing eines dieser großen, modernen Fernsehgeräte an der Wand. Sie konnte sich nicht daran erinnern, es gekauft zu haben, aber wo es schon einmal da war, konnte sie es auch benutzen. Das Wohnzimmer roch nach abgestandenem Bier, und sie rümpfte die Nase. Wollte sie jemand absichtlich wütend machen? Aber wer nur?

Sie hatte keinen Untermieter, obwohl ihr Katie das schon oft vorgeschlagen hatte. Vielleicht hatte ihre Tochter recht. Das Haus war wirklich ziemlich groß für nur eine Person.

Aber sie war noch nicht bereit, das Leben aufzugeben, das sie so viele Jahre geführt hatte. Die Erinnerung an Todds Tod trieb ihr immer noch die Tränen in die Augen. Die klebrige Nässe schmeckte nach Salz, was sie an die vielen Male erinnerte an denen sie mit ihrer Tochter ans Meer gefahren waren. Das waren Zeiten … Sie seufzte, und es lag eine ganze Menge Sehnsucht in diesem Laut.

Wenn nur ihr Tag-Nach-Rhythmus wieder besser werden würde. Die Pillen, die sie schluckte, halfen gar nicht. Sie schlief immer noch bei Sonnenaufgang ein und verlor sich den größten Teil des Tages in wirren Träumen, bevor sie mit Beginn der Abenddämmerung wieder erwachte. Wenn sie das nur wieder hinkriegen könnte, müsste sie sich nicht immer so auf Katie verlassen.

Armes Kind. Sie ging zum Kamin und betrachtete Katies Schulabschlussfoto. Wie groß die Kleine doch geworden war. Jane runzelte die Stirn. Sie musste wirklich mal ein Wort mit der Zugehfrau wechseln. Schließlich bezahlte sie nicht für Spinnweben und Staub.

Die altmodische Standuhr im Flur schlug melodisch die volle Stunde. Jane liebte diese Uhr. Sie war ein Hochzeitsgeschenk ihrer Eltern gewesen. Automatisch zählte sie die Schläge.

Neun, zehn, elf … zwölf. Mittag! Ein Lächeln zupfte an ihren Mundwinkeln. Todd würde jede Minute nach Hause kommen. Sie musste ihm das Mittagessen richten.

Mit federnden Schritten eilte sie in die Küche – war es etwa schon Winter? Es war ja so dunkel – schnappte sich eine Pfanne, die Ölflasche und Eier, stellte alles zurecht und schaltete den Herd an.

Jemand schnappte hörbar nach Luft.

„Seht ihr, ich habe es ja gesagt.“ Obwohl die Person flüsterte, erkannte Jane die Stimme. Sie stemmte die Hände in die Hüften.

„Katie Johanna Louise Hawkins. Komm raus, wo auch immer du dich versteckt hältst. Das ist alles andere als höflich, und könnte deinen Vater zu Tode erschrecken. Du weißt doch, wie schlimm es in letzter Zeit um sein Herz steht.“

Katie stand auf der anderen Seite des Küchentisches auf, nur schwach beleuchtet von dem wenigen Licht der Straßenlaterne vor dem Küchenfenster, das die Vorhänge hindurchließen. Ein schlanker Junge, der genau so aussah wie Todd in jungen Jahren, klammerte sich an ihren Arm, und ein dunkelhaariges Mädchen versteckte sich halb hinter ihr.

Jane runzelte die Stirn. Da waren graue Strähnen in den braunen Locken ihrer Tochter. Aber … aber … sie hatte doch erst vor wenigen Wochen das Studium abgeschlossen. Oder nicht? Und wer waren diese Teenager?

„Mom?“ Katies Augen waren größer als Jane sie je gesehen hatte. Die arme Kleine. Immer noch so schreckhaft wie ein Hase.

„Ach Liebes, es tu mir leid. Ich wollte dich nicht erschrecken.“ Sie lächelte beruhigend und breitete einladend die Arme aus.

„Aber du bist …“ Katie und die Teenager traten einen Schritt zurück. Alle drei wurden sehr blass, als Jane ihnen folgte. Ihre Blicke klebten an Janes Bauch. Jane sah an sich herab und erblasste ebenfalls. Sie stand direkt in der Mitte des Küchentischs. Wie hatte sie das gemacht?

Aber sie wusste die Antwort.

Auf einen Schlag war alles wieder da: der kurze, scharfe Schmerz in ihrer Brust, das Weinen von Katie und ihren Kindern, der betäubende Geruch weißer Lilien, und die Tatsache, dass sie neben ihrem Körper gestanden und zugesehen hatte, wie sie der Bestatter nach der Totenwache abgeholt hatte.

Schwere Stiefel polterten auf dem Steinboden des Flurs vom Hintereingang. Katie und die Teenager wurden noch blasser, sie wirkten wie Leichen, und wichen der Tür aus. Diese schwang mit einer Kraft auf, die Jane nur zu gut kannte.

„Liebling!“ Todd öffnete seine Arme weit. Er war so stark, seine Schultern so breit und der Geruch von Leder und Tabak so intensiv, dass sie beinahe vor Freude geweint hätte. Und seine Stimme … seine Stimme ließ immer noch fröhliche Schauer über ihren Rücken tanzen. „Ich habe dich seit deinem Tod überall gesucht.“

„Ich glaube, ich hatte mich ein wenig verloren“, sagte Jane und warf sich in seine Arme. Verschwunden waren die Jahre, die Lücken in ihrer Erinnerung und die Pfunde, die sie im Leben dazugewonnen hatte. Sie fühlte sich wieder jung.

Den Schlag der Standuhr zur vollen Stunde hörte sie nicht mehr.

 

Wenn euch die Geschichte gefallen hat oder ihr sonstwas loswerden wollt, hinterlasst mir gerne einen Kommentar. Ich werde schnellstmöglich antworten. In der Zwischenzeit lege ich euch die Geschichten der anderen Bloghop Teilnehmer ans Herz:

Better Off Alone by VS Stark
A Day In The Life by James Husum
Nothing To Show by Elizabeth McCleary
Super Grammy (Radioactive Breakfast Cereal) by Vanessa Wells
Bone Killer by Juneta Key
One More Time by Karen Lynn
Trail Of Carnage by Jemma Weir
A Phoenix In Hell by Sabrina Rosen
Friends Of The Deep by G. Craddock
Collateral Damage by Nic Steven
A Ghost’s Life by Barbara Lund
A Startling Revelation by Bill Bush
A Hiding Place by Gina Fabio

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Wenn du einen Kommentar hinterlässt, speichern wir die von dir eingegebenen Daten, um sicherzustellen, dass deine Worte dir zugeordnet werden und niemandem sonst.
Wir werden diese Daten niemals weitergeben.